Die Luft sirrt über den Schotterbänken. Noch bevor das Wasser zu sehen ist, hört man es. Insekten tanzen darüber, Fische schnappen im Sprung nach ihnen. Weidenäste streifen die Kleidung, Sand rieselt durch die Finger. Und unter den Schuhen knirschen rundgeschliffene Kieselsteine – Zeugen unablässiger Bewegung.
Können Flüsse verwildern oder gar ertrinken? Sie können. Als am Ende der letzten Kaltzeit die großen alpinen Gletscher zerfielen, rissen ihre Schmelzwasserströme gewaltige Geröllmassen mit sich, begruben alte Rinnen und formten neue Geflechte. Neue Wildflüsse entstanden – unberechenbar, ständig im Wandel. Wie sie ausgesehen haben, kann man sich an der Hochwasser führenden Gurgler Ache im Tiroler Ötztal (Foto oben) gut vorstellen.
Totholz, zersplitterte Wurzelstöcke: Die Bléone in den französischen Alpen (Bild unten) zeigt noch die Spuren der letzten Flut, die zur Zeit der Schneeschmelze oder nach einem heftigen Gewitter Stämme wie Zahnstocher brach. Sie schob Geröll heran, verschüttete Leben unter frischem Kies – und zog sich wieder zurück, als sei nichts geschehen.
Doch selbst jetzt, da das Rauschen des Wassers nur leise ertönt, arbeitet der Fluss. Wer innehält, vernimmt das Klackern der Steine, die er an seinem Grund weitertreibt. Ein Tag an seinem Ufer ist kein Ausflug. Es ist die Begegnung mit einem Naturgefüge, das sich dem Menschen nicht fügt.
Strömung oder Steppe
Die größte Dynamik entfaltet das Wasser auf Geschiebe-Umlagerungsstrecken. Hinter Talengen oder an Verflachungen unterhalb steilerer Gefällstrecken verliert es an Kraft. Durch die Verringerung der Fließgeschwindigkeit lagern sich Kies, Sand und Schluff ab; bei höherem Wasserstand wird alles wieder mobilisiert und weiter abwärts transportiert. Charakteristisch für solche Bereiche ist das Wechselspiel zwischen stehendem und fließendem Wasser. Der Fluss teilt sich, ein gewundener Arm nach dem anderen entsteht. Selbst das Hauptgerinne kann nach einem Hochwasser zur Sackgasse im Geröll verkümmern, während sich der Fluss anderswo neu erfunden hat. Übrig gebliebene Stillgewässer bieten Amphibien eine Heimat – oft nur auf Zeit. Forellen und Äschen sind die Leitarten solcher sauerstoffreicher, naturnaher Flüsse.
Zur „Geburt“ von Inseln genügt oft ein hängengebliebener Ast; Teile von Stämmen halten zurück, was sonst weiterziehen würde. Schotter lagert sich an, die ersten Pflanzen fassen Fuß. Schon nach wenigen Jahren wachsen dort Gehölze, oft Grauerlen. Sie stabilisieren den Boden, bis die nächste Überschwemmung alles wieder verändert.
Unter diesen extremen Bedingungen bestehen nur Spezialisten: Laufkäfer, viele schwimm- und tauchfähig, seltene Heuschrecken, Springschwänze und Wolfsspinnen, die übers Wasser laufen können. Manche Ameisen trotzen Hochwasser in Luftblasen – oder sie verhaken sich zu einem lebenden Floß und treiben davon, bis sie neues Land erreichen.
Beim Blick über den Tagliamento im norditalienischen Friaul offenbart sich das lebendige Muster aus dahinschlingernden Wasserarmen, sich vergrößernden und wieder verschwindenden Inseln und wandernden Kiesbänken.
Die Zeit der Dämme
Seit dem Mittelalter hat sich an den Alpenflüssen eine tiefgreifende Transformation vollzogen. Eingriffe für Mühlen, Sägewerke und Bergbau veränderten ihren Lauf und schwächten ihre Dynamik. Ufer wurden befestigt – mit Steinen, Pfählen oder Faschinen. Der Nebeneffekt: neues Land für Siedlungen und Landwirtschaft. Dennoch versumpften viele Flussbereiche, in denen sich auch Malaria ausbreitete. Lange machte man den Raubbau an den Wäldern dafür verantwortlich; heute weiß man, dass auch die klimatischen Schwankungen der „Kleinen Eiszeit“ eine große Rolle spielten.
Man baute mehr und höhere Dämme, grub Kanäle, durchstach Mäander. Ein frühes Großprojekt war die Linthkorrektion (1807–1823). Besonders weitreichend war die Eindämmung des Alpenrheins ab 1892: Man verkürzte seinen Lauf um rund zehn Kilometer und veränderte auch sein Delta im Bodensee stark. Um die Harder und die Fußacher Bucht vor Verlandung zu schützen, reichen die Seitendämme des Rheins heute dreieinhalb Kilometer in den See hinein.
Ab dem späten 19. Jahrhundert wurden fast alle Alpenflüsse zumindest abschnittsweise reguliert. Damit verschwanden Pufferzonen – Hochwasserwellen breiteten sich schneller aus. Mit der Energiewirtschaft trat ein weiterer Akteur auf: Staumauern und Ausleitungen unterbrachen den Sedimenttransport, Flussbetten schnitten sich ein. In Österreich gelten heute nur noch rund drei Prozent der Alpenflüsse als unverbaut.
Wildnis – oder wieder Wildnis?
Erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts setzte ein Umdenken ein. Auch dem Tiroler Lech versuchte man durch Renaturierung wieder mehr Raum zu geben – mit Erfolg.
Die meisten anderen Flüsse, die sehr viel stärker verbaut wurden, lassen sich dagegen kaum mehr in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzen. Doch gezielte Maßnahmen können ein neues Gleichgewicht fördern. Durch breitere Strömungsräume und reaktivierte Seitenarme gewinnen sie Dynamik zurück. In Zeiten extremer Wetterereignisse zeigt sich: Gewässer mit Raum puffern Hochwasser besser ab – und schaffen zugleich neue Erholungslandschaften.
Beispiele reichen von der Drôme in Frankreich bis zum international bekannt gewordenen „Isar-Plan“ in München. Auch Projekte wie „Rhein – Erholung und Sicherheit (Rhesi)“ zeigen erste Erfolge. Seit 2010 engagiert sich der WWF für die Reaktivierung von Auen an bayerischen Flüssen, aber auch für den Rückbau von Querverbauungen wie etwa Wehranlagen, die Fischen den Durchzug unmöglich machen. Etliche naturnahe Flussabschnitte entstanden auch im Europaschutzgebiet an der oberen Drau in Kärnten; die Deutsche Tamariske, der Eisvogel und der Fischotter sind zurückgekehrt. Teile des Systems gehören heute zum UNESCO-Biosphärenpark „Mur-Drau-Donau“ – dem „Amazonas Europas“.
Wie würden das all die Wesen im Fluss, auf den Schotterbänken und im Auwald sehen? Und wer von uns Menschen fragt sich, wie unsere Flüsse wohl in weiteren 10.000 Jahren aussehen mögen?