Acqua, aghe, agua, aiga, aua, ega, eau, ova, víz, voda, Wossa: Die durchsichtige, weitgehend farb-, geschmack- und geruchlose Flüssigkeit trägt in den Alpen viele Namen. Oft rauscht sie als Gebirgsbach talwärts, dann schwebt sie wieder als Wolke über den Gipfeln – und in hohen Lagen zeigt sie sich auch als Gletschereis.
Das Geheimnis dieser Wendigkeit verbirgt sich unter anderem an seinen Molekülen, die jeweils aus einem Sauerstoff- und zwei Wasserstoffatomen gebildet werden – daher die chemische Formel H₂O. Weil Wassermoleküle an einem Ende stärker positiv und am anderen stärker negativ geladen sind, knüpfen sie Verbindungen mit vielen anderen Stoffen und lösen diese ebenso leicht wieder. Dadurch ist Wasser eines der besten Lösungsmittel der Natur.
kostbar in und um uns.
Ohne Wasser gäbe es uns nicht. Es durchströmt unseren Körper, transportiert Sauerstoff und Nährstoffe zu unseren Zellen, unterstützt den Abtransport von Stoffwechselprodukten, befeuchtet Augen und Schleimhäute und kühlt uns an heißen Tagen durch Schweiß. Es schafft die Voraussetzungen dafür, dass Nervenzellen Signale weitergeben können. Wir lachen und weinen Tränen, und beim Gedanken an eine gute Jause läuft uns das Wasser im Mund zusammen. Je nach Alter besteht der menschliche Körper bis zu 75 Prozent aus Wasser.
In der Luft entscheidet Wasserdampf mit darüber, ob wir im T-Shirt unterwegs sind oder in Thermokleidung. Er formt Wolken, bringt Regen und Schnee und treibt gemeinsam mit den Temperaturunterschieden der Erde das Wettergeschehen an. Wasser kann außergewöhnlich viel Energie speichern und besitzt eine sehr hohe Oberflächenspannung – daher sammelt es sich zu Tropfen, die an Grashalmen glitzern oder als Nebel über dem Land schweben. Dank der Kapillarwirkung dringt es selbst in feinste Spalten vor.
Dort entfaltet es erstaunliche Kräfte. Sickert es in Gesteinsklüfte und gefriert, dehnt es sich aus und sprengt auf Dauer selbst harten Fels. Gletschereis schleift Gestein ab; nach seinem Abschmelzen hinterlässt es Vertiefungen und viel Schutt, der durch Schmelz- und Regenwasser talwärts transportiert wird. Anderswo lagern Wasserläufe wieder Material ab. Mit Kohlenstoffdioxid (CO₂) angereichertes Wasser löst Kalkstein und Dolomit auf und erschafft bizarre Felsformen.
Quellen, Wasserfälle oder Moore geben einer einzigartigen Flora und Fauna Raum; Auenlandschaften wie Schwemmebenen und Gletschervorfelder, Seeufer oder Waldbereiche an Fließgewässern weisen eine ähnlich hohe Biodiversität auf wie tropische Regenwälder. Wo die Alpen aus dem Meer tauchen, genießt man mediterranes Flair.
So wie hier an der Bléone in den französischen Alpen haben die gestaltenden Kräfte des Wassers das Gebirge erst für den Menschen erschlossen. Seit Jahrtausenden entstehen Siedlungen an Bächen, Flüssen und Seen, die Trinkwasser, Nahrung und Energie liefern. Seit jeher bilden Flüsse wichtige Verkehrswege. Gewässer sind verlässliche Wegweiser. Ein Bach verrät die Richtung ins Tal, ein Fluss führt durch die Landschaft, ein See öffnet den Blick. Wasser schimmert türkis, smaragdgrün oder stahlblau, riecht nach Regen oder frischem Schnee: es begleitet uns mit seinem Murmeln, Rauschen oder Donnern. An seinen Ufern finden wir Erholung, in seinen Strömungen Abenteuer. Und Kinder wissen ohnehin, was viele Erwachsene manchmal vergessen: An einem Bach lässt sich eine ganze Welt erschaffen.
Das Lebenselixier Wasser ist aber auch eine Macht, die zerstören kann. Mit den steigenden globalen Temperaturen nehmen Extremwetterereignisse zu. Heute zählen Überschwemmungen zu den folgenschwersten Naturgefahren, im Alpenraum werden Muren, Felsstürze und Bergstürze häufiger und heftiger. Mit apokalyptischen Zuständen begann auch die lange Geschichte des Wassers auf der Erde. Vor rund 4,5 Milliarden Jahren formte sich aus kosmischem Staub und Gesteinstrümmern die junge Erde. Die Kollision des jungen Planeten mit einem weiteren großen Himmelskörper führte zur Entstehung unseres Mondes, während auf der Erdoberfläche ein Ozean aus wogender Gesteinsschmelze zurückblieb. Erst mit der Zeit entstand eine feste Kruste. Durch das Ausgasen von Vulkanen bildete sich ein erstes dauerhaftes Gasgemisch, eine erste Atmosphäre, in der sich bereits Wasserdampf befand. Diesen verdanken wir auch zahllosen Asteroiden, die mit ihren Eisladungen auf die Erde krachten.
Irgendwann kondensierten die ersten Wassertropfen an Staubkörnchen und Ascheteilchen und es begann zu regnen – und zwar über Jahrtausende. Als die Erde abkühlte, entstanden Seen, Flüsse und Meere. Damit setzte der Wasserkreislauf aus Verdunstung, Wolkenbildung und Niederschlag ein. Die Landmasse der Lithosphäre zerfiel in einzelne Platten, die – angetrieben von heißen Konvektionsströmen aus der Tiefe – auf dem plastischen Erdmantel driften, sich voneinander entfernen oder übereinander schieben. So entstanden Ozeane, Vulkane und Gebirge wie die Alpen oder der Himalaya. Und bis heute beeinflusst die Plattentektonik den Wasserhaushalt und das Klima der Erde.
Vor etwa 3,8 Milliarden Jahren dürfte im Meer oder in hydrothermalen Systemen das erste Leben entstanden sein. Einfache Mikroorganismen legten den Grundstein für die Biosphäre, die weltweite Flora und Fauna. Cyanobakterien begannen damit, Sonnenlicht zur Fotosynthese zu nutzen, Kohlendioxid aufzunehmen und Sauerstoff freizusetzen. Dieser Prozess senkte den CO₂-Gehalt und erhöhte den Sauerstoffanteil in der Atmosphäre – mit weitreichenden Folgen für Klima und Entwicklung des Lebens. Die späteren Vereisungsphasen der Erde stehen wahrscheinlich mit diesen Veränderungen in Zusammenhang. Schnee, Gletscher und Eisschilde, das Meereis und die dauerhaft gefrorenen Permafrost-Gebiete subsummiert man heute unter dem Begriff Kryosphäre.
Heute bedecken 1,38 Milliarden Kubikkilometer Wasser die Oberfläche der Erde, die sich aus dem All als „blauer“ Planet mit riesigen Ozeanen und Flusssystemen zeigt. Wahrscheinlich verbirgt sich zusätzlich enormes Wasserreservoir im Erdmantel: Unter hohem Druck und bei Temperaturen über 374 Grad Celsius geht Wasser in einen überkritischen Zustand über und kann in Mineralien gebunden sein. Doch nur ein winziger Teil des Wassers steht uns direkt zur Verfügung. Mehr als 97 Prozent der globalen Wasservorräte sind salzig. Vom Süßwasser wiederum sind fast 70 Prozent in Eis gebunden und knapp 30 Prozent als Grundwasser gespeichert. Als unmittelbar nutzbares Trinkwasser bleiben lediglich etwa 0,3 Prozent.
Gleichzeitig wächst der Bedarf – für Landwirtschaft, Rohstoffgewinnung und Industrie. Inzwischen herrscht bereits in vielen Gebieten zeitweise Wassermangel; viele Millionen Menschen leiden dauerhaft darunter.