Quellen mit Eigensinn

Nach einem Unwetter drängt das Wasser mit Wucht aus den Spalten des Estergebirges bei Garmisch-Partenkirchen hervor. Der Ursprung der Soča in Slowenien hingegen ruht nach längerer Trockenheit still in der Tiefe. Was an der Oberfläche von Karstlandschaften geschieht, zeigt sich kurze Zeit später auch in ihren Quellen.

Soca Quelle
Soca Quelle

Das Regen- oder Schmelzwasser, das in den Ritzen und Klüften von Karstgebieten versickert, legt unterschiedlich lange, aber stets verschlungene Wege durch das Innere von Gebirgen zurück, bevor es weiter unten wieder ans Tageslicht gelangt. Dort verhindern undurchlässige Gesteinsschichten ein weiteres Absinken des Wassers. Karstquellen zählen zu den besonders auffälligen Erscheinungsformen chemischer Verwitterung.

Voraussetzung für ihre Bildung sind Klüfte und andere Schwächezonen im Gestein, die durch die lösende Wirkung des Wassers allmählich erweitert werden. Mitunter bricht das Gestein über den so entstandenen Hohlräumen ein. Auf diese Weise entstehen Karsthöhlen, die gewaltige Ausmaße erreichen können; in manchen von ihnen bilden sich sogar unterirdische Seen.

Auf seinen unterirdischen Wegen kann das Wasser den zuvor gelösten Kalk erneut ablagern – etwa wenn Kohlendioxid entweicht. Dann wachsen in den Höhlen Sintervorhänge, von der Decke hängende Stalaktiten und vom Boden aufragende Stalagmiten. Lagert sich Kalk auch an Karstquellen ab, entsteht dort mitunter poröser Kalktuff. Ein schönes Beispiel dafür findet man bei Lingenau im Bregenzerwald.

Quelltuff
Quelltuff

Doch Karstquelle ist nicht gleich Karstquelle. Unter den verschiedenen Typen, die der Verband österreichischer Höhlenforscher unterscheidet, zählen die stark schwankenden Karstquellen wohl zu den faszinierendsten. Ihr Wasser tritt vor allem in Kalkgebieten aus Höhlengängen oder topfartigen Karstgefäßen hervor. Nach heftigen Niederschlägen oder während der Schneeschmelze kann ihre Schüttung innerhalb weniger Stunden auf das Zehn- bis Tausendfache des Niederwassers anschwellen; bei längerer Trockenheit versiegen sie hingegen mitunter völlig.

Ausgeglichene Karstquellen reagieren dagegen kaum auf Schwankungen der Wasserzufuhr. Dies weist auf große unterirdische Speicherräume und weit verzweigte Kluftsysteme hin. Verdeckte Karstquellen treten unter Schutt oder Blockwerk zutage. Das Wasser von Plateauquellen verschwindet nach einer kurzen oberirdischen Fließstrecke erneut im verkarsteten Gestein. Als Untertagequellen wiederum bezeichnet man Wasseraustritte in Höhlen oder Stollen.

„Normale“ Bäche und Flüsse sind in Karstlandschaften selten. Umso lebendiger rauscht, gluckert und tost es in ihrer Unterwelt – und an so geheimnisvollen Karstwasser-Austritten wie etwa an der Rinquelle über dem Walensee in der Ostschweiz.

Rinquelle
Rinquelle